Die Kükenflotte von Schwanenvater Nieß 


Von TORSTEN GERBER

Sie sind da - rund um die Alster schlüpfen in diesen Tagen die jungen Schwäne. Jetzt heißt es für Schwanenvater Olaf Nieß wieder "Leinen los" und den Nachwuchs gezählt. Das Abendblatt begleitete ihn auf seiner Inspektionstour über die Nebenläufe der Alster. Um 9.15 Uhr legt das Dienstboot vom Schwanenquartier an der Erikastraße ab. Der Diesel lässt den Stahlrumpf und die Insassen mächtig zittern, aber das herrliche Wetter und die idyllische Umgebung entschädigen reichlich für diese Unannehmlichkeit. Zunächst tuckert das Boot langsam Richtung Außenalster. Der Fluss ist hier schon verhältnismäßig dicht bevölkert - nicht etwa von Wassersportlern, sondern von allerlei Federvieh: Kanadagänse, Haubentaucher, Blässhühner und Stockenten kreuzen den vom Schwanenvater angelegten Kurs.
   Dann ist der erste Nistplatz erreicht. Mutter Schwan ist zu Hause und brütet. Vorsichtig steuert Olaf Nieß mit gedrosseltem Motor an das Nest heran. Der Schwan räumt den Platz nur höchstwiderwillig und gibt die Sicht auf das Gelege frei. Ein kleines grauweißes Knäuel reckt den Hals und blinzelt über den Nestrand in die Morgensonne. "Das Jungtier ist noch keine zwei Stunden alt", stellt Nieß mit fachmännischem Blick fest. Neben dem bereits trockenen Jungschwan liegt ein zweites Küken regungslos auf der Seite. "Keine Angst, es ist bloß etwas erschöpft; das Schlüpfen ist sehr anstrengend", sagt der Schwanenvater beruhigend. Davon kann man sich sogleich überzeugen: Ein drittes Schwänchen ist gerade dabei, sich aus aus dem Ei zu pellen. Zwei weitere Eier sind noch unversehrt.
   "Wir erwarten etwa 25 Jungschwäne in diesem Jahr", sagt Nieß, der bereits im Mai die Anzahl der Eier in den Nestern überprüft hat. "Ein Schwanenpaar hat in der Regel zwischen vier und sechs Nachkommen, die innerhalb von 36 Tagen ausgebrütet werden". Das harte Naturgesetz jedoch sorgt dafür, dass nicht alle den Winter erleben. Darüber hinaus wollen aber auch manche Menschen den Tieren Böses. Der Bestand von rund 130 Tieren ist jedoch glücklicherweise nicht gefährdet.
   Unter günstigen Bedingungen kann ein Schwan sehr alt werden. Nieß: "Hamburgs langlebigster Schwan starb nachweislich mit 24 Jahren." Vor mehr als 100 Jahren soll einer dieser königlichen Wasservögel in England gar 72 Jahre gezählt haben, als er das Zeitliche segnete.
   Unterwegs zum nächsten Nest begegnet uns ein Mutterschwan mit sechs Küken, die schon ein paar Tage alt sind. Die Kleinen müssen sich sichtbar anstrengen, um ihrer Mutter folgen zu können. Der Schwanenvater: "Keine Sorge, verloren gehen sie nicht; wenn die Jungen allzu müde sind, klettern sie einfach auf Mutters Rücken und benutzen sie als Boot."

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