Die verirrten Schwäne

Lange weiße Hälse, wildes Geschnatter, Geplansche und Geflatter auf dem Wasser der Rathaus-Schleuse. Gestern musste Schwanenvater Olaf Nieß (34) wieder raus auf die Alster - zu seinen Vögeln. Zeit für den Winterurlaub.
    Aufrecht steht der blonde Hamburger am Steuer seines Bootes, umkreist mit drei anderen Helfern eine Gruppe von Alsterschwänen. Mit lauten Zurufen, wilden Handbewegungen und Holzrudern treiben sie die schnatternde Horde in eine der zwei Schleusen zusammen. Olaf Nieß greift mit beiden Armen nach einem Schwan, hievt ihn behutsam in eines der vier mit Stroh ausgebetteten blauen Boote. Mit einem Klettband umwickelt er die Beine des Tieres, bindet vorsichtig die Flügel auf den Rücken.
    80 Schwäne waren es gestern. In den nächsten zwei Tagen werden die restlichen 50 Vögel zusammengetrieben, die noch verstreut in den Alsterkanälen umherschwimmen. Alle kommen dann in ihr warmes Winterquartier am Eppendorfer Mühlenteich. Seit der ersten Aprilwoche waren die Tiere auf der Alster.
    Aber sie hielten sich in den warmen Monaten nicht nur dort auf - im Gegenteil: Immer wieder verließen Schwäne das für sie vorgesehene Revier. Und in mehreren Fällen verwechselten sie bei ihren Ausflügen über Hamburg den verregneten Asphalt des Flughafens mit einer Wasseroberfläche - von weit oben scheint das Gelände für Schwäne fast wie die Alster auszusehen. Bei der Landung prallten einige Tiere auf den harten Boden und verletzten sich. Dann musste Olaf Nieß nach Fuhlsbüttel fahren, um seine verirrten Schützlinge abzuholen: "Das ist in diesem Jahr leider sehr häufig vorgekommen, viel öfter als in der Vergangenheit."
    Vor solchen Missgeschicken hat Nieß jetzt erst einmal Ruhe - bis er im kommenden Frühjahr die Schwäne wieder auf der Alster aussetzt. (vlfb)

zurück nach NORD