NATURSCHUTZ

Die Rückkehr der Waldpferde

Um Eichenwälder zu entwickeln und Buchen zurückzudrängen, werden im Solling Urrinder und -ponys gezüchtet.

Von Elisabeth Jessen

Exmoorponys
Exmoorponys laufen über das Gelände am Waldrand im Solling. Sie könnten den Zaun, der das Projektgebiet eingrenzt, überspringen, aber sie fühlen sich wohl hier und tun es nicht.
FOTOS: KLAUS BODIG

Amelith - "Achtung freilaufende Bullen". Das Schild am Zaun soll Neugierige warnen. Spätestens wenn sie Bruno erblicken, halten sie schon von sich aus respektvoll Abstand zu dem massigen Tier. Bruno ist der Leitstier einer Herde von 14 Heckrindern, die zusammen mit zwölf Exmoorponys im niedersächsischen Naturpark Solling-Vogler (Landkreis Holzminden) angesiedelt wurden - ein bundesweit einzigartiges Naturschutzprojekt mit Modellcharakter.
    Eigentlich geht es um den Wald. In dem 180 Hektar großen Projektgebiet im Reiherbachtal bei Amelitz wird seit dem Juli 2001 eine Form der Beweidung aus vergangenen Jahrhunderten erprobt, die in Vergessenheit geraten ist. Wissenschaftler und Forstwirte wollen herausfinden, wie die ökologisch und historisch bedeutenden Eichenwälder mit ihren seltenen Tier- und Pflanzenarten erhalten und weiterentwickelt werden können.
    Während einige Nutzungsformen des Waldes wie die Jagd sich bis heute gehalten haben, ist die Weide im Wald Vergangenheit. Bis vor etwa 150 Jahren seien viele Weidetiere, insbesondere Schweine und Rinder, in die lichten, von Menschen angelegten Eichenwälder am Solling getrieben worden, erklärt der Geschäftsführer des Naturparks, Forstoberinspektor Peter Martensen. Dann sei das verboten worden. Grund: "Es waren zu viele Tiere auf zu kleiner Fläche." Doch dann drohten die so genannten Hutewälder zu verschwinden, "weil Buchen sich überall breit machen", sagt Martensen.   

Statt den Wald mit Sensen und Sägen von Buchen zu befreien, setzen die Projektplaner auf Hufe und Zähne der neu angesiedelten Waldbewohner. Die teilen den Wald mit angestammten Wildschweinen, Rehen und dem Rotwild. Martensen erklärt das Ziel des auf fünf Jahre anberaumten Projekts, dessen Kosten von mehr als zwei Millionen Mark zu zwei Dritteln vom Bund getragen wird: "Wir wollen einen Wald, wie die Tiere ihn gestalten."
    Wissenschaftler von der Universität Paderborn, Lehrgebiet Tierökologie in Höxter, begleiten das Naturschutzprojekt. Sie gehen davon aus, dass im nacheiszeitlichen Europa fast überall große Pflanzen fressende Tiere wie Auerochsen, Wisente und Wildpferde lebten, die die flächendeckende Ausbreitung von geschlossenen Wäldern verhinderten. Lichte, mosaikartig verzahnte Wälder, Gebüsche und Weideland sollen damals das Erscheinungsbild bestimmt haben. Das bedeutet auch, dass Hutewälder, wie sie nun geschaffen werden, in grauer Vorzeit natürlich vorgekommen sind.
    Die Heckrinder und Exmoorponys, die in dem umzäunten Gebiet am Reiherbach angesiedelt wurden, scheinen sich wohl  zu fühlen. Davon zeugt auch, dass beide Rassen schon Nachwuchs bekommen haben. Ungerührt stehen sie im strömenden Regen und rupfen das kurze Gras aus, das sie auf einer der wenigen Freiflächen finden. Nur Leitstier Bruno guckt starr geradeaus und behält ungewohnte Besucher im Auge. "Sie bedienen sich immer da, wo es am einfachsten ist", erklärt Martensen das Verhalten der Tiere. "Sie fressen aber nicht nur Gras, sondern auch Eicheln, Kräuter, Blätter und Triebe von Sträuchern und Bäumen."
    Ein Elektrozaun am Rand der Freifläche, an der ein Spazierweg entlangführt, soll für die nötige Distanz zwischen Rindern und Ponys einerseits und Spaziergängern andererseits sorgen. "Die Tiere haben hier immer gebettelt und wurden gefüttert." Doch ihr Futter sollen die Urtiere sich gefälligst selbst suchen. Im Wald.
 


Urtiere zu besichtigen

Der Naturpark Solling-Vogler bietet regelmäßig Führungen durch das Hutewald-Projektgebiet im Reiherbachtal an. 

Gruppen können separate Termine vereinbaren.

Weitere Informationen dazu gibt es beim Naturpark Solling-Vogler, Lindenstraße 6, 37603 Holzminden-Neuhaus, Telefon 05536/1313 oder im Internet unter www. hx.uni-paderborn.de/fb7/fachgebiete7/hute (jes)


Exmoorponys und Heckrinder

Ein Heckrind
Sein dichtes, langes Fell ermöglicht dem Heckrind den ganzjährigen Aufenthalt im Freien - auch bei Regen und klirrender Kälte. Foto: Klaus Bodig
Exmoorponys sind die ursprünglichste erhaltene Pferdeart in Europa. Sie leben seit mehr als 1000 Jahren nahezu unabhängig vom Menschen. Im britischen Exmoor existieren heute noch frei lebende Bestände. Charakteristisch sind die braune Farbe mit dunkleren Beinen, das helle Maul ("Mehlmaul") und helle Augenringe.
    Heckrinder sind Rückzüchtungen nach dem Vorbild des im 17. Jahrhundert ausgerotteten Auerochsen. Sie sind nach den Brüdern Heck, zwei Zoodirektoren, benannt. Im Heckrind stecken der spanische Kampfstier, das ungarische Steppenrind und andere Rassen. Die Stiere sind dunkelbraun bis schwarz, die Kühe haben einen helleren Rücken, das Maul ist hell umrandet, die Hörner typisch nach vorn gebogen. (jes)

 

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